Bogenjagd?
Eines vorweg: die Jagd mit dem Bogen ist in Deutschland nicht zulässig, das
ist gesetzlich so vorgegeben. Und angesichts der deutschen Gründlichkeit
bezüglich der Regeln, deren Hauptaufgabe die Sicherstellung (der Sicherheit)
des deutschen Michels ist, ist es vielleicht auch ganz gut so, denn nichts
würde dem Bogensport mehr schädigen, als eine Aufnahme des Bogens ins
Waffengesetz.
Außer...
Ja, vielleicht alles außer der mitunter unleidlich geführten Diskussion
darüber, ob die Bogenjagd nun erlaubt werden sollte oder nicht.
Werfen wir einmal einen Blick über die Grenzen unserer Insel der
Glückseligkeit. In Europa ist der Staus fast ausgeglichen. D, A, CH, NL (um ein
paar der in Bogenreichweite liegenden Länder zu nennen) sind dagegen, F, E, DK,
I (auch hier eine willkürliche Auswahl) erlauben es. Was hilft uns das?
Zunächst mal nichts. Es gibt Befürworter und Gegner. Soweit waren wir schon.
Werfen wir aber mal einen Blick über den Teich, in die USA. Oder noch
besser, in die Geschichte des modernen Bogensports, die sich dort von den
Gebrüdern Thompson ausgehend entwickelt hat. Natürlich wurde damals gejagt,
warum auch nicht? Diese Tradition entwickelte sich und wurde durch viele
Bogenschützen fortgesetzt: Saxton Pope, Howard Hill, Fred Bear, Fred G. Asbell,
um nur ein paar zu nennen. Moderne Namen gefällig, die man sonst nur von
FITA-Turnieren kennt? John Dudley, Dave Cousins, Liam Grimwood und so weiter.
Alles auch bei uns bekannte Schützen, die auch auf der Scheibe sehr erfolgreich
sind. Aber gehen wir nicht so weit weg. Auch aus Deutschland und Österreich
gehen viele Schützen auf die Jagd, dort, wo sie eben erlaubt ist. Nehmen wir
Dietmar Vorderegger, den "Papst" des traditionellen Schießens. Mit
dem Compound ein erfolgreicher Jäger. US-Bogenbauer wie Fred Bear oder Bob Lee
und ihre Nachfolger sind und waren erfolgreiche Bogenjäger. Die Autoren der
"Bibel des Traditionellen Bogenschießens", ein zu recht erfolgreiches
Buch über den Bogenbau, sind zum Gutteil Bogenjäger. Und nicht zuletzt, die
vielen, namenlosen Schützen, die sich mit Hilfe des Bogens die Kühltruhe
füllen.
Eins
zwischendrin, weil mir das garantiert vorgeworfen werden wird: ich möchte die
Bogenjagd hier nicht glorifizieren, sondern lediglich aufzeigen, wie stark sie
in die Geschichte des Bogensports eingebunden ist und im internationalen Umfeld
lebt.
Man
kann es drehen und wenden wie man will, die Bogenjagd ist fester Bestandteil der
Bogenszene - der Vergangenheit, der Gegenwart und auch der Zukunft. Denn
sind wir mal realistisch: die Bogenjagd ist auch der treibende Motor bei der
Entwicklung im Bogensport. Der Compoundbogen ist als Jagdbogen entwickelt
worden, um länger im Anker stehen zu können. Die Umsätze, die in den USA im
Bogenbereich getätigt werden, sind zum Gutteil auf die Bogenjagd
zurückzuführen, der Targetbereich spielt dort eine untergeordnete Rolle. Dies
lässt sich anschaulich auf den Bogenmessen dort beobachten. Jagd, Jagd, Jagd...
Firmen wie Hoyt, Easton, Martin, PSE, GoldTip, um nur ein paar der bekannten
Namen zu nennen, wären nicht in ihrer Position, wenn die Bogenjagd nicht wäre.
Und ob der Bogensport olympisch wäre, wenn nicht Persönlichkeiten wie Jim
Easton immer wieder drängeln, ist auch so eine Frage.
Halten wir fest: der Bogensport in der heutigen Ausprägung
ist mit ein Verdienst der Bogenjagd.
Daher kann sich m.E. nur noch die Frage stellen, wie
man damit umgeht. Ein beharrliches Leugnen auf unserer Insel der bogenjagdfreien
Glückseligkeit in Deutschland hilft nicht weiter. Was bleibt? Nun,
eigentlich nur ein offener Dialog.
Nur - kommen wir zum Anfang zurück. Ich
weiß manchmal nicht, was der Bogenjagd mehr schadet, die Jagd an sich oder die
oftmals nicht sachlich geführte Diskussion darüber - die zumeist auf der
Verbohrtheit der Befürworter und der Gegner basiert. Es gibt verhärtete
Fronten, die m.E. zumeist nicht aufgebrochen werden wollen. Da beide Positionen
(Pro und Contra) sich gegenseitig ausschließen, kann es auch keinen Kompromiss
geben ("wir machen ein bisschen Jagd"). Da dies beiden Seiten klar
ist, wird dran gearbeitet, die eigene Position zu festigen und die der
Gegenseite abzulehnen. Ergebnis: ein Teufelskreis. So stellt sich für mich der
Diskussionsverlauf zu diesem Thema dar.
Ich
persönlich würde mir zuallererst eine offene, sachliche und möglichst
emotionsfreie Diskussion wünschen, an deren Ende ein ebenfalls offener
Entscheidungsfindungsprozess steht, der mit seinem Ergebnis von beiden Seiten
akzeptiert werden kann. Aber das ist ein Traum.
Bogenjagd,
Kernenergie, Stuttgart21, Umgehungsstraßen, Gentechnik... man setze oben einen
beliebigen Begriff ein, der Kindergarten ist überall derselbe. Ich möchte
nicht gleich vom Verlust der Diskussionskultur sprechen, wir sind aber an der
Schwelle. Auf welcher Seite, das muss sich noch herausstellen...