Sehnen
Materialien
Eines gleich vorneweg: natürliche Materialien wie Tiersehnen, Flachs
(Leinen), Hanf oder
ähnliches lassen sich selbstverständlich zu Bogensehnen verarbeiten, und es
wurde auch jahrtausendelang gemacht. Sehnen aus diesen Materialien sehen auch
sicherlich gut aus und haben ein "traditionelles" Flair, aber leider nur eine
begrenzte Haltbarkeit. Nur wenige Sehnen aus diesen Substanzen überstehen 2000
Schuss - im Gegenzug zu vielen 10.000 Schuss bei modernen Materialien. Außerdem
sind diese Sehnen anfälliger gegen Witterungseinflüsse wie Feuchtigkeit, deshalb
haben sich heute im modernen Bogensport synthetische Sehnengarne durchgesetzt.
Die
zwei gängigsten Materialien sind Dacron (B50) und Fast Flight (im weiteren
Verlauf stellvertretend
für alle modernen Garne genannt, es gibt zahlreiche Typen). Insgesamt ist heute
mehr als ein Dutzend Sehnengarne auf dem Markt, hier soll aber nur kurz auf
charakteristische Parameter eingegangen werden.
Das ältere Material ist
Dacron. Es hat eine vergleichsweise große reversible Elastizität (wie ein
Gummiband), und lässt sich sich ca. 2-3 % dehnen, bevor es bricht. Durch diese
Elastizität kann es auf der einen Seite nicht so viel Energie auf den Pfeil geben, weil
hierdurch Energie in der Sehne verloren geht (nicht die Sehne bringt die
Beschleunigung, sondern die Wurfarme!). Es ist demzufolge vergleichsweise langsam.
Auf
der anderen Seite ist es diese dämpfende Komponente, die dieses Garn gerade
für Holzbogen (egal, ob Langbogen oder Recurve mit Holzmittelteil) interessant
macht: die Sehne nimmt die Schwingungen, die nach dem Abschuss entstehen,
zumindest teilweise auf
und schont dadurch das Mittelteil. Dies ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil!
Anders sieht es bei den modernen
Entwicklungen aus: es wird mehr Leistung gefordert. Der Schütze will einen
schnellen Pfeil, um mit geringeren Zuggewichten schießen zu können oder um
eine flachere Flugbahn zu bekommen. Moderne Sehnengarne wie
Fast Flight tragen diesem Aspekt Rechnung und lassen sich weniger als 1% bis zum Bruch strecken.
Hier wird
klar, dass jegliche Dämpfung durch die Sehne flachfällt, diese kann keine
Vibrationsdämpfung mehr leisten, die gesamte Energie, die nach dem Schuss im
Bogen bleibt (ein Bogen hat typischerweise zwischen 70 und 85% Wirkungsgrad),
muss dort abgebaut werden. Gerade Holzbogen arbeiten dabei selbst so stark, dass das
Material mit der Zeit ermüdet, was zum Bruch des Bogens führen kann.
Bei
Fast Flight kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: das Garn ist wesentlich
reißfester als Dacron, so dass eigentlich 4 bis 6 Stränge ausreichen würden.
Da FF-Sehnen aber meist 14 bis 20 (typ. 16) Stränge aufweisen, ist die Elastizität der
gesamten Sehne noch einmal herabgesetzt. "Hart wie Glas", wie mache
Schützen sagen. Natürlich
machen die geringen Verluste in der Sehne den Bogen (d.h. den Pfeil) noch mal schneller.
Aber
nicht vergessen: ein schnelleres System ist auch anfälliger gegen schlechtes
Lösen. Und es gibt Garne, die noch schneller sind als Fast Flight. Auch gibt es
Garne, die präziseres Schießen ermöglichen als andere - sofern der Schütze
es ausreizen kann.
Hier
geht es darum, den für den Schützen günstigsten Kompromiss zu finden.
Jeder
moderne (Nicht-Holz-) Bogen ist inzwischen Fast Flight-tauglich oder sollte es sein. Im
Zweifelsfall aber immer beim Hersteller nachfragen!
Dicke
Oder: wie viel Stränge soll eine Sehne haben?
Das hängt von 2 Faktoren
ab: zum Einen, wie stark der Bogen ist. Je höher das Zuggewicht, desto dicker
(d.h. belastbarer) muss die Sehne sein. Als Faustregel gilt hier: "die
Sehne sollte 5 mal stärker sein als der Bogen." Ein 30 lbs-Bogen
(tatsächliches Zuggewicht auf den Fingern) erfordert also eine Sehne mit einer
Bruchlast von 150 lbs. Zum Anderen hängt es vom Garn selbst
ab: Fast Flight ist dünner als Dacron, von daher sind aus diesem Grund mehr
Stränge bei ansonsten gleichen Randbedingungen erforderlich, um die Nocke
sicher auf der Sehne halten lassen zu können.
In der gängigen Literatur
findet man hierzu entsprechende Richtlinien, die auch den Durchmesser der Sehnen
mit berücksichtigen. Als Standard haben sich aber
FF-Sehnen mit 16-18 Strängen durchgesetzt und Dacron-Sehnen mit 12-14
Strängen. Wie oben geschrieben, eine FF-Sehne mit 4 Strängen ist alles andere
als sinnvoll zu schießen. Hier wird daher auf den erforderlichen
Sehnendurchmesser hin optimiert.
Die Bruchlast eines Strangs Dacron liegt bei 50 lbs, Fast Flight
bei ca. 100 lbs. Hier wird schon deutlich, dass gerade Fast Flight-Sehnen meist
überdimensioniert sind, was ihre elastische Dehnung nochmals stark
reduziert.
Herstellung
Grundsätzlich gibt es 2 Arten, sich eine Sehne herzustellen: Endlos oder
Flämisch gespleißt.
Hier wird nicht viel Info von mir aus kommen: es gibt
viele gute Bauanleitungen für Sehnen. Einfach mal googeln oder bei den
gängigen Foren (Fletchers Corner, Bogensportforum) reinschauen. Notfalls da
nachfragen. ;-)
Dehnung der Sehne
Nun, es gibt mehrere Möglichkeiten, wie sich eine Sehne dehnen kann. Es
wurde schon die elastische Verformbarkeit angesprochen, doch es gibt insgesamt 3
Typen:
Slip
Dies ist ein in der Regel einmaliger, irreversibler Längungsprozess der
Sehne. Slip wird typischerweise beim ersten Belasten einer Sehne beobachtet und
entsteht, indem sich u. A. die einzelnen Stränge neu anordnen und in ihre
Endposition rutschen. Nach etwa 50 - 100 Schuss hat sich das in der Regel
spätestens erledigt. Starker
Slip kann ein Hinweis auf eine schlecht gefertigte Sehne sein, Flämische Sehnen
zeigen meist mehr Slip als Endlossehnen. Dem starken Slip beim ersten Schießen kann
man entgegenwirken, indem die Sehne nach der Herstellung einige Zeit mit einem
Gewicht belastet aufgehängt wird. 24 h mit 50 kg werden von einzelnen
Sehnenmachern angesetzt, aber weniger und kürzer reicht auch.
Stretch
Dies ist die elastische Längenänderung (wie ein Gummiband). Viel Stretch ergibt eine
gemütliche, leise brummende Sehne, die stark dämpft, wenig Stretch ein schnelles, aggressiveres,
mitunter auch lautes System.
Aber auch durch die Art der Sehne kann man Einfluss nehmen: Eine Endlossehne z.
B. zeigt bedingt durch ihren Aufbau weniger Stretch als eine flämische Sehne gleicher
Länge, gleichen Materials und gleicher Strangzahl. Starkes Eindrehen der Sehne
führt ebenfalls zu mehr Stretch.
Creep
Der lästigste Fall. Creep (Kriechen) bezeichnet die irreversible Längenänderung unter
Last. Es ist der Grund dafür, weshalb man z.B. auf Compoundbogen, die ja permanent
aufgebaut bleiben, kein Dacron oder Fast Flight findet (d.h. finden sollte). Fast Flight ist
ein nettes Sehnengarn, kriecht aber wie kaum ein zweites (OK, Dacron ist noch
schlimmer). Für den
Recurveschützen fällt dies allerdings nicht ins Gewicht. Es gibt inzwischen
einige "no-creep"-Garne auf dem Markt, speziell für den Compoundbogen
entwickelt, die sind aber auch gut auf Recurves einsetzbar.