Ideen zum Blankschießen
Zunächst einmal: prinzipiell lässt sich jeder Bogen blank schießen. "Blank"
bedeutet letztendlich nur, dass kein Visier verwendet wird. Ob der Bogen ein
Langbogen (für den gibt es eh kein Visier), ein Recurve oder ein Compoundbogen ist, spielt dabei keine
große Rolle.
Aber aufpassen: wenn man Turniere schießen will, sollte man sich vorher schlau
machen, ob es die jeweilige Klasse im Verband gibt bzw. ob diese vom
Veranstalter ausgeschrieben
ist.
Man kennt das von Turnieren: da gibt es den Langbogenschützen X, der mit
wild rudernden Bewegungen seinen Bogen durch die Gegend wirbelt, gelegentlich
trifft und sich dann unglaublich über den ach so gelungenen Schuss freut. Das
sieht auch so unglaublich cool aus und wirkt nicht so angestaubt wie der doch
recht eckig wirkende Stil des Schützen Z, der offensichtlich genau so schießt
wie die Schützen mit Visier. Aber, wenn man die Sache genauer betrachtet, trifft
er etwas regelmäßiger.
Wo möchte man sich selbst dazwischen wiederfinden? Sicher, der Schütze X
hat auch seine Erfolge, klar. Doch woher kommen sie? Hat er einfach nur ein
"Händchen" für den Bogensport oder täuschen seine lauten
Jubelschreie bei Treffern über lange Durststrecken hinweg?
Wer nicht mit einer unglaublichen Hand-Augen-Koordination gesegnet ist, kommt
meines Erachtens über einige Punkte nicht hinweg: Training, Training und
nochmals Training. Doch wie holt man das Beste aus dem Training und aus sich
selbst heraus? Durch gute Grundlagen. Und die wichtigste Grundlage ist nun mal
ein sauberer, reproduzierbarer und nach Möglichkeit einfacher Schießstil. Je weniger Variablen man dort
einbaut, desto weniger Fehlerquellen hat man und desto effektiver kann das
Training und desto erfolgreicher das Turnier ablaufen.
Individualität bei der Ausführung des Schusses bedeutet nicht unbedingt
Erfolg und wirklich erfolgreiche Stile gibt
es nur wenige. Sicher, jeder Schütze muss aufgrund seiner Anatomie den
Bewegungsablauf für sich optimieren, doch einige Grundlagen gelten für
alle Stile. So sollte das Ziel immer sein, einen Bewegungsablauf zu finden, der
kraftsparend und gut wiederholbar ist. Ein Blick auf die Checkliste zum Visierschießen
("Stil Recurve") sei hier wärmstens empfohlen.
Ansätze speziell zum visierlosen Schießen gibt es in der Literatur einige. Leider vermittelt jeder Lehrbuchautor nur seinen
eigenen und mitunter sehr individuellen Stil, so dass es zunächst schwierig ist,
den für sich passenden Stil zu
entwickeln. Da hilft nur Ausprobieren oder eine gute Beratung durch einen oder
mehrere erfahrene Schützen weiter. Asbell zum Beispiel bezeichnet seinen Weg,
das rein instinktive Bogenschießen zu lernen, als "den Besten".
Swenson hingegen erarbeitet für den Schützen ein ausführliches System, um
über die Pfeilspitze zu Zielen. Vorderegger bietet einen instinktiven Stil an, mit dem man
ganz gut experimentieren kann. Aber auch Vorderegger spricht sich für ein
System aus, wenn es dem Schützen weiterhilft. Reinschauen kann man aber in jedes der
vorgestellten Werke und seinen Stil daraus entwickeln. Nicht zuletzt bietet sich
auch die Technik an, mit der die Visierschützen z. B. bei Olympia so
unglaublich gut treffen. Man sieht, es ist nicht ganz so einfach, seinen Weg zu
gehen. Oder etwa doch? Schauen wir mal.
Betrachten wir dazu zuerst zur Frage: wie möchte man schießen? Rein instinktiv oder mit
System?
Schießen mit System
Fangen wir beim Systemschießen an. Dies bedeutet, dass der Schütze sich
einen Visierersatz sucht. Dies ist in aller Regel die Pfeilspitze, gelegentlich
auch das Bogenfenster. Die Voraussetzung hierfür ist allerdings eine gute
Kenntnis der Entfernung zum Ziel, am besten auf den Meter genau. Diese
Entfernung muss man irgendwie bestimmen, letztendlich muss man für sich ein
Messverfahren erarbeiten, um die Entfernung zum Ziel zu bestimmen. Darauf will
ich hier aber nicht weiter eingehen, die Literatur hilft hier weiter.
Zum Zielen selbst gibt es mehrere verschiedene Konzepte,
und natürlich auch Kombinationen:
"Gap-shooting"
Der Abstand zwischen dem (möglichst kleinen) Zielpunkt und der Pfeilspitze ist
bei dieser Technik das bestimmende
Maß. Für kurze Distanzen liegt die Pfeilspitze (optisch) unter dem Ziel, für
den "Nullpunkt" genau auf dem Ziel und für längere Distanzen
darüber. Für kurze Distanzen kann auch die Oberkante des Bogenfensters
verwendet werden, für große Distanzen die Pfeilauflage, die Unterkante des
Bogenfensters oder die Bogenhand. Die Hauptaufmerksamkeit liegt auf dem Ziel.
"Point of Aim"
Hier sucht sich der Schütze einen Zielpunkt über- oder unterhalb des
eigentlichen Ziels, auf den er mit der Pfeilspitze anhält. Ähnlich wie das
Gap-shooting, nur andersrum. Die Aufmerksamkeit liegt auf der Pfeilspitze
"Split Vision"
Die Aufmerksamkeit des Schützen liegt sowohl auf dem Zielpunkt als auch auf
der Pfeilspitze. Dies ist eine Kombination der obigen Techniken.
Stringwalking / Facewalking
Hier wird dafür gesorgt, dass die Pfeilspitze immer im Ziel liegt. Dazu wird
entweder der Ankerpunkt in Abhängigkeit von der Entfernung im Gesicht
verschoben (Facewalking) oder die Sehne entsprechend unterhalb des Pfeils
gegriffen (Stringwalking).
Facewalking sieht man allerdings nur selten, da es oftmals durch Reglements
untersagt wird (typische Formulierung: "nur ein Ankerpunkt ist zulässig, der nicht verändert
werden darf"). Stringwalking ist auch nicht immer zulässig. Es darf
beispielsweise beim
DSB in der Blankbogenklasse, aber nicht beim DFBV in den Bowhunterklassen
eingesetzt werden, dafür in den Barebowklassen. Hier sollte man es sich sehr gut überlegen, bei welchen
Turnieren und in welcher Klasse man starten möchte. Facewalking macht zudem
viel Arbeit, sich in seinem Gesicht eine gewisse Anzahl gleichwertiger
Ankerpunkte zu erarbeiten. Meiner Meinung nach ist dieser Aufwand zu groß, um
sinnvoll eingesetzt werden zu können. Mit Stringwalking geht es einfach
besser.
Nur macht das Stringwalking durch die bei jeder Distanz unterschiedliche
Bogengeometrie das Abstimmen des Bogens etwas schwerer, hier kann nur ein
Kompromiss gefunden werden. Das geht meist aber erstaunlich gut, so dass man
davor keine Angst haben muss.
Ein Wort noch: im Endeffekt ist das Stringwalking das erfolgreichste
Verfahren des Blankschießens (mit System), wenn das Reglement es zulässt.
Instinktives Schießen
Eigentlich müsste man von "intuitivem" statt
"instinktivem" Schießen sprechen, denn kaum ein Lebewesen wird mit
echten Instinkten fürs Bogenschießen geboren. Trotzdem hat sich dieser Begriff
durchgesetzt.
Diese Technik ist eine reine Auge-Hand-Koordination, auch, wenn so mancher
Autor oder Schütze etwas "mystisches" darum gestalten will. Aber
letztendlich ist das instinktive Schießen durch die viele Übung nur die
unterbewusste Anwendung eines Systems, dessen sich der Schütze selbst nicht
bewusst ist. Schlecht ist das nicht, nur eben weniger erfolgversprechend als
wenn man bewusst ein System trainiert.
Wie beim Dart oder beim Werfen eines zusammengeknüllten Stück Papiers in
den Papierkorb wird nicht bewusst gezielt, sondern man verlässt sich auf
antrainierte und im Training geübte Fähigkeiten. Dies setzt natürlich einen
ungleich höheren Trainingsaufwand voraus, denn unbekannte Situationen
(Distanzen, Winkel etc.) sind für einen reinen Instinktivschützen nur sehr
schwierig zu meistern. Also sollte man jede mögliche Situation (mehr als) einmal trainiert
haben... Aufwand erkannt? ;-)
Viel mehr gibt es hierzu nicht zu sagen: Konzentration auf den Zielpunkt (so
klein wie möglich!),
Schießen, ggf. dem Pfeil nachschauen... und treffen. Und wenn nicht, dann wird
bewusst korrigiert, bis auch diese Situation sich in das Unterbewusstsein
eingegraben hat.
Es gibt 3 wichtige Dinge, die den Erfolg beim rein instinktiven Schießen
erst ermöglichen - aber noch lange nicht garantieren: üben, üben, üben...
Besonderheiten
Bei einigen Bogenarten gibt es ein paar Kleinigkeiten zu berücksichtigen. So
sollte man mit einem reinen Holzbogen nicht länger als maximal eine Sekunde im
Anker stehen, da der Bogen sonst Leistung verliert. Viel Zeit zum Anwenden eines
Systems bleibt da nicht. Das ist aber reine Übungssache, nur darf man dabei
nicht schlampig werden.
Auch sieht man bei Schützen, die einen Reiterbogen verwenden, oftmals einen Anker,
bei dem die Zughand irgendwo an der Brust liegt. Die Schule von Lajos Kassai ist
hier federführend. Auch beim Kyudo ist der Ankerpunkt nicht dort, wo ihn der
westliche Schütze vermutet.
Und selbst, wenn mancher Autor und Schütze es verteufelt: auch ein
Compoundbogen lässt sich instinktiv schießen. Durch die andere Form des
Kraftaufbaus des Bogens ist der Bewegungsablauf etwas anzupassen, aber
eigentlich spricht nichts dagegen.
Folgerungen
Kein Schütze wird gezwungen, instinktiv oder System zu Schießen, wenn er
das Visier weglässt.
Anmerkung: von den Topleuten arbeitet so ziemlich jeder mit einem System.
Auch, wenn der Begriff "Systemschütze" bei einigen Schützen (den
selbsternannten "Extremtraditionalisten") fast ein
Schimpfwort ist, so spricht natürlich nichts dagegen, zumal
man als Durchschnittsintuitiver einfach kein Land sieht. Es ist die Frage, was
man will. Für den reinen Spaß ist es egal, will man bei Turnieren vorne mit dabei sein, muss
man sich etwas einfallen lassen.
Letztlich muss man aber sagen, dass es nur ganz wenige "echte"
Instinktivschützen gibt, die auch noch Erfolg feiern können. Die meisten
Schützen wenden ein System an, das aber mit genug
Trainingsaufwand inzwischen fast unbewusst abläuft. Hier eine saubere Grenze zu
ziehen, geht nicht.
Stil
Kommen wir nach diesem Ausflug wieder zum Stil zurück. Wie man sich
bereits denken kann, ist der wilde Bewegungsablauf des oben vorgestellten
Schützen X nicht geeignet, um hier sinnvoll mit einem System arbeiten zu
können. Als Systemschütze kommt man um einen sauberen Stil einfach nicht
herum. Wenn man sich anschaut, die wie Schützen schießen, die im gesamten
Blankbereich (egal, ob Compound, Recurve oder Langbogen) regelmäßig und
konstant oben mitschießen, so wird die Sache schnell klar. Hier gibt es
nur einen Weg: den Schnörkellosen.
Schauen wir uns nun die Instinktivschützen an. Sieht die Sache hier anders
aus? Nun, meiner Meinung nach nicht. Je wilder der Stil aussieht, desto schwerer
wird er zu koordinieren sein. Und auch wenn man nach langer Übungszeit einiges
davon dem Unterbewusstsein überlassen kann, so werden sich bei einem unnötig
komplexen Bewegungsablauf schneller Fehler einschleichen, die hinterher fast
nicht mehr auszubügeln sind.
Ich möchte dem Schützen X nicht seine Erfolge absprechen, nur ist es eben
zweifelhaft, ob dieses Vorbild der breiten Masse an Schützen auch wirklich
weiterhilft. Machen wir uns nichts vor: der Bewegungsablauf beim
Bogenschießen ist, obwohl er so einfach aussieht, kompliziert genug. Wir
sollten daher versuchen, uns die Sache so einfach wie möglich zu machen und
Fehlerquellen ausschließen, wo es nur geht. Denn, sind wir ehrlich zu uns, wir
wollen treffen. Fürs dekorative Schießen gibt es nur wenig Anerkennung und
wenn man die meiste Zeit mit Pfeile suchen zubringt, kann es das ja auch nicht
gewesen sein.
Da wir aber alle unterschiedliche Anatomien besitzen und aufgrund der
besonderen Verhältnisse im Blankbereich unterschiedliche Ankerpunkte einsetzen
(von unterm Kinn bis hoch am Wangenknochen), muss man als Schütze schon seinen
persönlichen, für sich geeigneten Stil entwickeln.
Aber immer gilt: der Stil sollte effektiv und reproduzierbar sein,
sonst wird man niemals vernünftig treffen. Und hier kann und sollte man sich
durchaus am "FITA-Stil" orientieren, denn das ist ein sehr effizienter und hoch
optimierter Bewegungsablauf.
Man muss ja auch beachten, dass so ein
Turnier eine ganze Weile dauert. Und wenn man neben einer erhöhten Trefferquote
auch noch ein wenig Kraft sparen kann, muss das ja nicht von Nachteil sein. ;-)